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Edvard Munch
Harry Graf Kessler, 1906
Öl auf Leinwand
SMB, Nationalgalerie

Harry Graf Kessler – Flaneur durch die Moderne

Ausstellung in der Stiftung Brandenburger Tor

57 Jahre, 57 Bände – mehr als 15.000 eng beschriebene Seiten: Harry Graf Kessler (1868-1937) schrieb kontinuierlich Tagebuch. Mit diesem lieferte der Mäzen, Verleger, Diplomat und Dandy ein umfassendes Panoptikum seiner Zeit. Seismografisch und mit scharfer Beobachtungsgabe protokollierte er als „Flaneur durch die Moderne“ in Augen-Blicken die Widersprüche einer Zeit des Umbruchs – vom Wilhelminischen Kaiserreich zur Weimarer Republik, vom Ersten Weltkrieg über die 20er Jahre bis zur Nazizeit.

Seit 2004 ediert das Deutsche Literaturarchiv Marbach Kesslers Tagebuch, 2016/17 soll der letzte Band die Herausgabe abschließen. Anlass für die Stiftung Brandenburger Tor, in Kooperation mit dem Deutschen Literaturarchiv Marbach und der Klassik Stiftung Weimar einen neuen Blick auf HGK und sein Hauptwerk – die Tagebücher – zu werfen. Über zwei Ausstellungsgeschosse des Max Liebermann Hauses am Pariser Platz werden vielfältige Facetten des Augenmenschen Kessler eindrucksvoll, abwechslungsreich und medial unterlegt beleuchtet.


Sinnlichkeit – Kesslers Wahrnehmungsmethode

hgk_foto_1#HGK und das Militär„Früh nach Potsdam. Mich bei den III Garde Ulanen gemeldet. Von Koss angenommen und Gusstedt vorgestellt. Meinen Wachtmeister Lumm kennen gelernt. Alles über Erwarten schnell und angenehm verlaufen. Abends wieder in Leipzig und mit Mor und Dorchen zusammen bei Steinmann.“Potsdam / Leipzig. 24. September 1892

Was macht Harry Graf Kessler für uns heute zu einem einzigartigen Zeugen seiner Zeit? Mit welchen Augen sah er die Welt, die sich im Aufbruch zur Moderne befand? Graf Kessler stand als Kosmopolit englisch-deutscher Herkunft, frisch in den Adelsstand Erhobener und (verdeckt) Homosexueller zwischen den Milieus und Ideologien. Auch von der Generation her war Kessler ein Mensch zwischen den Zeiten. Diese vielfachen Außenseiterperspektiven machten ihn besonders wach und sensibel.

In seinem ruhelosen Leben, das er meist in Expresszügen, Salons, Ateliers, Museen und Theatern verbrachte, wird das Tagebuch-Schreiben zum einzigen Kontinuum. Kessler saugt sinnliche Eindrücke regelrecht auf, um sie als Augenblicksaufnahmen – gleich einem impressionistischen Maler – in seinem Tagebuch zu verewigen. Als Fotograf in Worten hält Kessler diese Momente in ihren détails und valeurs (seinen Lieblingskategorien) fest und formuliert als „Einheit meines Lebens: vielleicht allen Formen der mir erreichbaren Sinnlichkeit nachzugehen“ (7.8.1904). Die Sinnlichkeit wird zur Folie seiner Wahrnehmung von Kunst ebenso wie des ihn umgebenden Lebens.


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Harry Graf Kessler, Impressionen von der Griechenlandreise, 1908

Tagebuch und Cranach-Presse – Kesslers Vermächtnis

hgk_foto_1#HGK und seine Hunde„Neben andrem muss ich heute mit eigenartiger Bewegung daran denken, dass Tschudi mir meinen ersten Hund geschenkt hat.“Berlin. 27 November 1911. Montag

Das Ergebnis der Kessler’schen Alltagsanalysen sind Zitate, die in nur wenigen Sätzen zum inneren Kern der ihn umgebenden Erscheinungen vordringen. Kessler hatte sein Tagebuch nicht zur Veröffentlichung gedacht, sondern eher als Materialsammlung für seine Memoiren verstanden.

Indem sich die Ausstellung nun direkt in den Text des Tagebuchs begibt, lässt sie sich auf das Abenteuer ein, in den Kopfkosmos dieses facettenreichen und widersprüchlichen Menschen vorzudringen. Auf assoziativ-sinnliche Weise entführen mediale Projektionen in die Welt, der die Tagebuch-Zitate entstammen. In Bild und Ton unternimmt der Besucher eine Zeitreise in eine hochinteressante Umbruchszeit und spürt dabei einzelnen Leitmotiven nach: Wie nahm Kessler die aufkommende Moderne wahr? Wie reagierte er auf den Krieg und die politischen Umwälzungen? Welche Bedeutung hatte die Kunst für ihn? Und wie definierte er Schönheit und Glück?

Wer diesen verschiedenen Fragestellungen folgt, versteht einmal mehr, warum Kessler in der von ihm gegründeten Weimarer Cranach-Presse zum Verleger hochbibliophiler Bücher wurde, in denen das Haptische und Geistige zu einem Gesamtkunstwerk verschmolzen. Die Bücher der Cranach-Presse zählen – neben den Tagebüchern – zum wichtigsten Vermächtnis Kesslers und werden in der Ausstellung im Original zu sehen sein.


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Harry Graf Kessler, Tagebuch, Deutsches Literaturarchiv Marbach

Der Kunstvermittler: Kunst als Lebensprinzip

hgk_foto_1#HGK und seine Gesundheit„Wilmas Liebe u. Pflege, die das Äusserste an Aufopferung waren, verdanke ich neben Mac Donaghs Wissenschaft, mein Leben. Sie hat zwei Monate lang Tag u. Nacht vor meiner Tür gesessen, kaum gegessen oder geschlafen, in steter Sorge und Angst sich aufgerieben, schwerer u. tiefer gelitten als ich. Montag den 5ten Juli trat die Krisis in meiner Lungenentzündung ein, die Fiebertemperatur fiel plötzlich um mehrere Grade, äusserste Schwäche trat ein, ich hatte einen Herz-Kollaps. “Juli 1926

Kesslers Tagebuch vermittelt einen facettenreichen Einblick in das kulturelle Leben, das er als Museumsleiter, Kunstvermittler, Sammler und Förderer zeitgenössischer Kunst maßgeblich geprägt hat. Von Kesslers Leben als Sammler und Kunstimpresario haben sich nun jedoch nur wenige Fragmente bis heute erhalten.

Dank der Leihgaben aus dem Deutschen Literaturarchiv Marbach und der Klassik Stiftung Weimar gelingt es, einige bedeutende Stücke für die Ausstellung ins Haus zu holen: Rodins „Ehernes Zeitalter“, Maillols „Mediterranée“, Munchs Kessler-Portrait, Rysselberghes monumentales pointillistisches Gemälde „L’Heure Embrasée“ sowie Möbel, die van de Velde eigens für Kessler entworfen hat. Diese Exponate belegen Kesslers Liebe zum Gegenständlichen, zum Haptischen, zur Schönheit, an deren charakterformende Kraft er zeit seines Lebens glaubte. Er sah es als seine „Grosse Aufgabe: den Deutschen zum Glauben an die Kunst zu erziehen“ (20.11.1903).

Als Privatsammler vor allem zeitgenössicher französischer Kunst sowie als ehrenamtlicher Direktor des Großherzoglichen Museums für Kunst und Kunstgewerbe in Weimar ging es ihm vor allem um die Vermittlung der Kunst. Entsprechend präsentiert sich die Ausstellung in einem Teil als Kunstsalon, der eine Mischung aus Ausstellungsanmutung und Privaträumen darstellt. Dieser Salon ist der collagenartige, sinnlich-dingliche Einstieg in Kesslers Universum.


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Aristide Maillol, Méditerranée, 1905
Bronze, Privatsammlung

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Theodor van Rhysselberghe, Badende Frauen, 1897
Öl auf Leinwand, Klassik Stiftung Weimar

Der Menschensammler: Vom Close-up zum Weitwinkel

hgk_foto_1#HGK und Maillol „Er stellte sich nicht weiter vor, und kümmerte sich auch nicht viel um unsere Namen, sondern war eben Maillol: etwa 40 Jahre alt aussehend, langer unbeschnittener, schwarzer Vollbart, sehr ausdrucksvolle, leuchtende blaue Augen, hager und mit langer Adlernase von prononciert spanischem Typus.“Frankfurt. 17. August 1904. Mittwoch.

In Kesslers Tagebuch finden wir vor allem eines: Beschreibungen von Menschen. Sie reichen vom Close-up – etwa Reflexionen über den Brillanten im Ohr einer Dame – bis zu großen Menschenpanoramen, ob im Krieg oder beim Festbankett. Dabei gelingen Kessler scharf beobachtete Rückschlüsse auf die Physiognomie seiner Zeit.

In der Ausstellung führt der Menschensammler-Raum in diesen Teil der Persönlichkeit Harry Graf Kesslers: sein exzessives Gesellschaftsleben, wie es sich in den aristokratischen und großbürgerlichen Salons von Berlin, auf Hofbällen oder Reisen, auf den Straßen, in Ateliers oder Theatern abspielte.

Begegnungen mit nicht weniger als 12.000 Personen verzeichnet sein Tagebuch – darunter mit namhaften Persönlichkeiten wie Einstein, van de Velde, Hofmannsthal, Grosz, Diaghilew, Reinhardt, Craig, Gide, Rathenau, Stresemann oder dem Deutschen Kaiser. Der Besucher kann in diesem interaktiven Raum selbst durch die Fülle von Menschen, Anekdoten und Berlin-Beschreibungen navigieren und sich ein persönliches Bild von Kesslers Beobachtungsgabe machen.


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Edvard Munch, Porträt Harry Graf Kessler, um 1904
Öl auf Leinwand, Privatsammlung

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George Grosz, Südende, 1918, Aquarell, Rohrfeder,
Feder und Tusche, Privatsammlung

Harry Graf Kessler heute

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Alexandre Cabanel, 1873
Die Comtesse Kessler,
Mutter von Harry Graf Kessler
Öl auf Leinwand, Musée d’ Orsay Paris

Kesslers Tagebücher lagen in Teilen über 50 Jahren unentdeckt in einem Banksafe – sicherlich auch ein Grund dafür, warum die Rezeption Kesslers relativ spät einsetzte. Die vollständige Edition der Tagebücher durch das Literaturarchiv Marbach ermöglicht es nun endlich, einen Blick auf den „ganzen“ Kessler zu werfen. Inzwischen hat sich um HGK eine eingeschworene Fangemeinde gebildet: In aussagekräftigen Interviews kommen in der Ausstellung Menschen zu Wort, die von Kessler heute wieder fasziniert sind. Beim Lesen der Tagebücher lässt sich entdecken, dass viele der Fragen, die Kessler bewegten, auch heute noch oder wieder aktuell und modern wirken. Ein Grund mehr also, sich auf die Spur dieses Flaneurs durch die Moderne zu begeben.

Kessler war von imposanter und attraktiver Erscheinung. Aus diesem Grund haben wir ein Kommunikationskonzept für die Ausstellung entwickelt, das HGK auf verschiedenen Kanälen ein Stück weit wieder ins Gespräch bringt mit Berlin. Obwohl sich HGK fast rund um die Uhr in öffentlichen Kreisen bewegt hat, ist bislang keine historische Filmaufnahme von ihm aufgetaucht. Da wir im Rahmen der Ausstellung Harry Graf Kessler wieder eine Stimme verliehen haben (Sprecher: Sebastian Fuchs), lag die Idee nahe, auch das Plakatmotiv zum „Sprechen“ zu bringen.


Twitter und Facebook

Auf Twitter und Facebook werden wir regelmäßig originale HGK-Kommentare posten. Da manche seiner Bemerkungen für uns heute nicht auf Anhieb verständlich sind, werden wir die Tweets mit „Fußnoten“ versehen. So entwickelt sich im Verlauf der Ausstellungsdauer wieder ein kommunikatives Netzwerk von Querverbindungen – ein Netzwerk, an dem auch HGK selbst seine Freude gehabt hätte. Denn eines ist gewiss: HGK wäre heute online – ständig.


HGK – Der Flaneur

Das Wort Globalisierung ist heute allgegenwärtig – nicht zuletzt deshalb, weil uns das Reisen in nahe und ferne Ziele zur alltäglichen Praxis geworden ist. Die Auswertung der umfangreichen Tagebucheintragungen von HGK macht uns jedoch mehr als deutlich, wie mobil und polyglott bereits die gesellschaftliche Führungsschicht um die Wende von 19. zum 20. Jahrhundert gewesen ist. In den rund 60 Jahren, in denen Harry Graf Kessler Tagebuch schrieb, werden allein über 1000 unterschiedliche Orte – weltweit – als Orte des Schreibens aufgeführt.

Im Verlauf der Ausstellung werden wir sukzessive einzelne, markante Tagebucheinträge mit dem jeweiligen Ort ihrer Entstehung auf der Weltkarte verknüpfen – eine anschauliche Möglichkeit, sich HGK, seinem Denken und Fühlen auch auf diese Weise zu nähern.